
Hans Vincenz
(1900 bis 1976)
Seine Wurzeln kommen aus dem rheinischen Expressionismus. In den 50er Jahren war er auf der Höhe der Zeit.
Über einen Verlauf von rund 50 Jahren ist die künstlerische Entwicklung von Hans Vincenz bei aller Eigenständigkeit parallel zu der Entwicklung namhafter Kollegen verlaufen, die wie er am Puls der Zeit waren.
In seinen ersten Arbeiten (1920 bis 1930) findet sich die Position des rheinischen Expressionismus in Reinform wieder. Zu Beginn der 1950er Jahre wendet er sich verstärkt der abstrakten Malerei zu.
Kann man in einigen abstrakten Arbeiten noch die Bezugnahme auf die Landschaftsmalerei seiner früheren Jahre entdecken, so konzentriert er sich mehr und mehr auf das reine Spiel mit Materialien, Farben und Strukturen.
Die Overhead Gallery verwaltet den Nachlass von Hans Vincenz und widmet sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung und musealen Vermittlung seines Œuvres. Durch die Organisation von Museumsausstellungen, Retrospektiven und Publikationen setzt sich die Galerie dafür ein, das Werk dieses außergewöhnlichen Künstlers wieder in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zu rücken und seinen Platz in der Kunstgeschichte neu zu verankern.
Hans Vincenz wurde 1900 in Köln geboren und lebte mehr als fünf Jahrzehnte in Essen, davon nahezu vierzig Jahre in Essen-Werden. Vincenz machte früh Bekanntschaft mit der Kunst des Expressionismus und war mit namhaften Kollegen wie Erich Heckel, Helmuth Macke, Rolf Lenne, Christian Rohlfs und Werner Gilles befreundet.
Wie viele andere Maler seiner Generation begann sein Weg bei der Auseinandersetzung mit der Natur und den Einflüssen der großen malerischen Bewegungen der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Der Schritt von der gegenständlichen Malerei der zwanziger und dreißiger Jahre in die Abstraktion führte ihn schließlich zur Informellen Kunst, der er bis zu seinem Tod verhaftet blieb.
Anfang der 1920er Jahre, in den ersten Jahren seines Schaffens, entstanden Bilder in dunklen, tonigen Farben, ruhende, träumende Gestalten, immer wieder Schiffe und Flusslandschaften und am Rande der großen Industriestadt Bilder mit dem melancholischen Klang der Vorstadt. Der Rhein und seine Landschaften blieben ihm Eindrücke, die transformiert bis in seine späten Bilder hinein spürbar sind. Ende der zwanziger Jahre widmete sich Hans Vincenz fast ausschließlich der Holzplastik, viele Arbeiten dieser Zeit gingen jedoch im Zweiten Weltkrieg verloren. Anfang der dreißiger Jahre „entdeckte“ er die Farbe, bis zum Kriegsausbruch entstanden sinnlich farbige Bilder oft wandbildhaften Charakters.
Mitte der 1940er Jahre entstanden die ersten gegenstandslosen Bilder. Paul Vogt, damaliger Direktor des Folkwang Museums Essen, schreibt: „Mag auch für den, der seine frühen Bilder in ihrer Harmonie voller warmer Farben kennt, der Schritt zur Abstraktion ein wenig überraschend gekommen sein – vorbereitet war er längst und damit weniger Experiment, als folgerichtiger Weg der künstlerischen Entwicklung. Wir sehen in diesen Bildern die Frucht der Erfahrung vergangener Jahre, die Sicherheit und die ungebrochene Kraft des Strebenden, der sich unermüdlich weiter formt.“
Themen aus der gegenständlichen Welt und die Auseinandersetzung mit der Natur begleiteten seine Bilder weiterhin. Neben den Zyklen abstrakter Werke blieb die Landschaft im Bild bestehen. Mitte der 1950er Jahre gewann die Farbe in seinem Werk eine erneute Bedeutung: Farbe und Licht finden sich zu einer neuen, nicht mehr am Dinglichen haftenden Einheit zusammen. Allen Farben voran steht das Blau, das in vielen Arbeiten beherrschend auftritt.

Professor Paul Vogt über Hans Vincenz
Katalog Vorwort zur Hans Vincenz Ausstellung im Kölnischen Kunstverein 1962
Hans Vincenz, 1900 in Köln geboren, lebt seit mehr als vier Jahrzehnten in Essen. Er gehört zu jenen Künstlern, die Stille und Zurückhaltung der Geschäftigkeit des Kunstbetriebes vorziehen, die sich wenig um Ausstellungen und ihre Wirkung auf die Öffentlichkeit kümmern, um desto intensiver an ihrem malerischen Werke tätig zu sein. So erlebt man bei der Betrachtung seiner Bilder immer wieder die Überraschung vor Unbekanntem, erfährt erneut die Spannweite seines Werkes zwischen Gegenstand und Abstraktion, aus dem die Arbeiten des letzten Jahrzehntes, wie sie in dieser Ausstellung zu sehen sind, ohne Zweifel eine erhebliche Steigerung, wenn auch noch längst keinen Abschluss bedeuten. Hans Vincenz ist Autodidakt — er weist selbst darauf hin. Er teilt diesen Werdegang mit vielen anderen Malern seiner Generation, und gleich ihnen begann auch sein Weg bei der Auseinandersetzung mit der Natur, mit den Einflüssen der großen malerischen Bewegungen in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts. Vincenz hat diese entscheidenden Jahre wachen Sinnes verfolgt, manches mag er dabei als Maler auch seiner Freundschaft zu Helmuth Macke verdankt haben.
Landschaft und Wasser sind die ersten bestimmenden Eindrücke gewesen, der Rhein mit seinen Strömungen und Niederungen. Sie blieben ihm geheimer Besitz, geläutert und verwandelt zwar, und dennoch bis in die späten Bilder hinein spürbar.
Mag auch für den, der seine frühen Bilder in ihrer Harmonie voller, warmer Farben kennt, der Schritt zur Abstraktion ein wenig überraschend gekommen sein — vorbereitet war er längst und damit weniger Experiment, als folgerichtiger Weg der künstlerischen Entwicklung. Wir sehen in diesen Bildern die Frucht der Erfahrung vergangener Jahre, die Sicherheit und die ungebrochene Kraft des Strebenden, der sich unermüdlich weiter formt.
Vor allem aber wird in den Werken des letzten Jahrzehntes eines deutlich: der Weg zur Abstraktion ist bei Vincenz keine Frucht des Intellektes, sondern allein der sinnlichen Empfindung des Malers. Er berichtet selbst: „. . aus der sinnlichen Freude des Sehens erwächst ihm die Freude am Malen, an der differenzierten Behandlung der Farben und der Oberfläche.“ Von dieser Freude des Auges und der Sinne künden seine Bilder, die frühen, wie die jüngsten. Aus der Kraft der Farben, aus dem Erleben ihrer Spannungen und Harmonien erwächst das Entscheidende: das Bild. Vincenz lehnt es ab, über Sinn und Wesen der Kunst zu sprechen, für ihn sind die Bilder nicht gemalte Philosophie: »die dem Maler gemäße Sprache muss sich der Mittel seines Metiers bedienen.« So wird es niemanden verwundern, dass Themen aus der gegenständlichen Welt noch lange die abstrakten Bilder begleiten und dass auch später neben den Zyklen abstrakter Werke die Landschaft im Bilde bestehen bleibt, nicht als ein Gegensatz oder ein Spiel mit Möglichkeiten, sondern als Ergänzung, als Frucht sinnlichen Empfindens.
Auch die Themen der jüngeren Werke drücken dies aus: „Glut — Blaue Sicht — Pflanzenformen, Lichte Felder — Weißes Netz — Gelbe Flucht “Die Entwicklung ist unschwer zu verfolgen. Man bemerkt, wie in den Bildern des Jahres 1953 etwa die Farben wie durch Licht geläutert werden und sich zu neuen, nun nicht mehr am Dinglichen haftenden Einheiten zusammenfinden. Bezeichnenderweise gibt es in seinem Werk die Hinterglasmalerei, sie dürfte für das Gesamtwerk von Hans Vincenz von besonderer Bedeutung sein.
Es fehlt in anderen Bildern nicht an härteren Verspannungen, dunkle Töne treten auf, tragen Elemente der Bewegung in die Fläche des Bildes, auf der sich immer wieder bei allem Glanz im Malerischen eine strenge Ordnung des Gefüges kundtut. Allen Farben voran steht das Blau, das in vielen frühen wie späten Arbeiten beherrschend auftritt, ein großer Klang, rein und leuchtend. Zeitweise sieht man Hans Vincenz auch von der Empfindung für die Fläche bezwungen, für die Verspieltheit der Linien auf ihr, für die Kraft tektonischer Gerüste, die sich bis zum Massiven verdichten können. Doch spiegelt sich nirgends Härte wider, immer wieder begreift man die Freude des Malers an der sinnlichen Erscheinung, an der Harmonie des Gesamten, wie auch an der Vollendung im Handwerklichen, das, obwohl sicherer Besitz seit Jahrzehnten, doch stets neu erprobt und in Frage gestellt wird. Im Medium der Farbe erschließen sich weiteste Bereiche, manchmal scheinen hinter den Verspannungen der Formen und lichten Flächen Reminiszenzen an Dingliches zu erwachen, nicht mehr im Sinne eines Abbildes, sondern einer neuen, rein malerischen Gegenständigkeit. Man ist versucht, sich in Weiten zu verlieren, geträumte Landschaft zu erleben im empfindsamen Verschweben zarter Farbklänge.
Leicht wäre es, Zyklen zusammenzustellen: Variationen eines Themas, Möglichkeiten, die erkannt, entwickelt und reich ausgebreitet werden —fast möchte man diese Art zu arbeiten typisch für Hans Vincenz nennen. Erstaunlich bleibt die auch im engsten Themenkreise sich offenbarende Variationsfähigkeit, die gerade der besonders deutlich bemerken wird, der gewohnt ist, Nuancen, Abstufungen, Tonwerte als wesentlich zu registrieren.
Die Bilder von Hans Vincenz sind das Ergebnis eines von der Malerei bestimmten Lebens. Sie sind auch heute — und das wird in der Ausstellung deutlich sichtbar — noch kein Ausklang. Sein Werk bleibt geöffnet — in der Stille gereift, birgt es alle Elemente neuer, schöpfungsfreudiger Wege in sich. Was kann man eigentlich mehr wünschen?
Professor Paul Vogt, Direktor des Museum Folkwang, Essen

























